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Hörensagen - AktenEinsicht von Christina Clemm

Digitale Flüsterpost: Hörensagen ist unsere Reihe für kulturelle und mediale Geheimtipps von Studierenden für Studierende. Unter Hörensagen sprechen unsere Redakteur*innen und Autor*innen ihre (Recht)verblüffendsten Podcast-, Buch-, Film- und Video- Empfehlungen rund um das Thema Recht und Gerechtigkeit aus! Dieses Mal im Fokus: Das Buch AktenEinsicht von Christina Clemm.


von Milena Wassermann

© Jolanda Zürcher.

Ich lese AktenEinsicht zu einem Zeitpunkt, an dem der Tod von Sarah Everard in Großbritannien die Berichterstattung beherrscht. Die junge Frau ist vermutlich auf ihrem Heimweg von einer Freundin getötet worden. Der Vorfall bewegte viele als Frauen Gelesene in London zu demonstrieren, um auf geschlechtsspezifische Gewalt gegen sie aufmerksam zu machen. Beinahe ironisch mutet es dabei an, dass Demonstrant*innen im Nachgang nun kritisieren, wie gewaltvoll die Polizei auf die Versammlung reagiert habe.


In dieses Bild fügt sich auch die „Akte“ der fiktiven Marcella E., in die uns die Autorin Christina Clemm Einsicht gewährt: Marcella E. öffnet nichtsahnend zwei Polizeibeamten die Tür, als diese ohne einen Durchsuchungsbeschluss in die Wohnung eindringen und ihr massive Körperverletzungen zufügen, obwohl der eigentlich Gesuchte ihr Mann ist, der sich auf Dienstreise befindet.

Christina Clemm bleibt jedoch nicht bei Polizeigewalt stehen: Eindrücklich zeigt sie, wie die Frauen*, nachdem ihnen gegenüber Gewalt angewandt wurde, vor zahlreiche weitere Probleme gestellt sind. So sieht sich beispielsweise Claudia S. im Gerichtsverfahren dem Narrativ der falschanzeigenden, rachsüchtigen Frau ausgesetzt, Iryna R. muss sich gegen die Vorurteile der Richterin hinsichtlich ihres Kopftuchs wehren. Immer wieder zeigen die verschiedenen Akten auch, was ein Gerichtsverfahren, mit dem die Pflicht zur Aussage und das mögliche Wiedertreffen mit dem Täter einhergeht, für Frauen* bedeuten kann.

Christina Clemm, selbst Fachanwältin für Straf- und Familienrecht, berichtet über die Geschichten acht verschiedener Frauen, die zwar fiktiv sind, aber an wahre Begebenheiten angelehnt wurden. Immer wieder pflegt sie Statistiken und juristische Hintergrundfakten in die Texte ein, die so ganz eindrücklich zeigen, dass es nicht um Einzelfälle geht, sondern dass jeder einzelnen dieser Frauen* genau das passieren hätte können, was geschildert wird. Und dass geschlechtsspezifische Gewalt als gesamtgesellschaftliches, als strukturelles Problem wahrgenommen werden muss.

Nichts anderes fordern im Übrigen auch die Frauen*, die an der Mahnwache für Sarah Everard teilgenommen haben.



Das Buch AktenEinsicht – Geschichten von Frauen und Gewalt – von Christina Clemm erschien im September 2020 im Kunstmann-Verlag und ist für 20 € im Handel erhältlich. Zurzeit ist es ferner als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung zu einem Preis von 4,50 € erhältlich (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/314877/akteneinsicht).