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imBilde: Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den Rechtswissenschaften

Seit 1939 ist das Standardwerk im Jurastudium, der sog. "Palandt"-Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, nach dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Otto Palandt benannt. Er war Präsident des Reichsjustizprüfungsamtes und Mitglied der Akademie für Deutsches Recht, welche die sog. "Arisierung" des Rechtswesens vorantrieb. Palandt selbst wirkte an der Kommentierung des nach ihm benannten Werkes nie mit, verfasste aber das Vorwort, in dem er des nationalsozialistische Regime glorifizierte. Andere sehen in Otto Palandt keinen "glühenden Nationalsozialisten", sondern schreiben ihm lediglich zu, die "Umwälzungen" im Staatsapparat ausschließlich für seine Karriere genutzt zu haben.


Der jüdische Verleger Otto Liebmann genoss während der Weimarer Republik mit seinen juristischen Kurzkommentaren großen Erfolg und legte damit den Grundstein für den späteren "Palandt". In Folge der "Arisierung" durch die Nationalsozialisten sah er sich 1933 dazu gedrängt, sein Unternehmen an C.H. Beck zu verkaufen. Die Initiative "Palandt umbenennen" fordert aufgrund des nationalsozialistischen Hintergrunds die Umbenennung des Kommentars. Dafür böten sich zahlreiche Alternativen an: Otto Liebmann etwa, oder Gertrud Artmaier, die über 50 Jahre lang als Lektoratsleiterin das Werk wesentlich prägte . Die Entscheidung zur Umbenennung obliegt bis heute dem C.H. Beck Verlag, der sie ablehnt.


Die Frage nach der Umbenennung kreist um Erinnerungskultur und die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, gerade in den Rechtswissenschaften. Juristen waren maßgeblich an der Umsetzung des Parteiprogramms beteiligt, Professoren berieten das Regime in juristischen Fragen und wurden nach der Gründung der BRD fast unmittelbar wieder in ihr Amt eingesetzt. Der ehemalige Justizminister Heiko Maas schlug vor, anstatt der Umbenennung des Kommentars die NS-Rechtsgeschichte zum Pflichtstoff im Jurastudium zu machen. Das Problem liegt unter anderem auch im mangelnden Bewusstsein Jurastudierender über die Hintergründe dieses Standardwerks begründet. Wie also dieses Bewusstsein schaffen? Würde eine Umbenennung die Geschichte um den Palandt tatsächlich auf fachhistorische Diskurse reduzieren, oder überhaupt erst Aufmerksamkeit darauf lenken? Wen wollen wir wie erinnern? Wird die Namensänderung - von Straßen, Plätzen oder wie hier einem juristischen Standardwerk - überbewertet? Oder spielt die Sensibilisierung für Sprache eine maßgebliche Rolle im Aufarbeitungsprozess?