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Inklusion und Chancengleichheit: Wenn man meint, dass der Nachteilsausgleich zu einem Vorteil wird.

Eine Kolumne von Norman Sogojeva

© Nora Hüttig.

„Es ist voll unfair, dass du länger schreiben darfst als wir – damit hast du voll den Vorteil!“ Es gibt keinen Satz, der mich während meines Abiturs so aufgeregt hat wie dieser. Wie viele andere Schülerinnen und Schüler habe ich im Rahmen meiner Schulzeit einen Nachteilsausgleich in Anspruch genommen, um meine Klausuren zu bewältigen. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler waren oftmals echte Leidensgenossen – es gab keinen Tag, an dem ich nicht von meinen Freunden unterstützt wurde. Jedoch gab es auch Tage, an denen Bemerkungen fielen, die mich wütend gemacht haben.


Lehrerinnen und Lehrer wissen, wenn eine Klausur zurückgegeben wird, herrscht Chaos. Alle tauschen sich aus und es wird direkt verglichen, wer wie abgeschnitten hat. Was an sich kein Problem ist, sorgt auch häufiger mal zu Verwunderung. Wie kann es sein, dass ein*e gewisse*r Schüler*in so eine gute Note erzielen konnte? Die Antwort? Die Antwort schien oft naheliegend. Sie ist ein Streber. Er versteht sich gut mit dem/der Lehrer*in. Oder: Die Eltern bezahlen ihr die Nachhilfe. In meinem Fall war die Antwort häufig: Er hat einen Nachteilsausgleich! Genau über diese Situation möchte ich diskutieren. Denn während man einen Nachteilsausgleich oft als unantastbaren Fakt darstellt, unterschätzt man sehr schnell, dass dieser auch anders wahrgenommen werden kann.


Nachteilsausgleich – eine menschenrechtliche Grundlage


Die Inklusion von Menschen mit Behinderung, insbesondere von chronisch erkrankten Bürger*innen, hat einen großen Stellenwert im europäischen Recht. Artikel 26 der europäischen Menschenrechtscharta definiert, dass „die [Europäische] Union, […] den Anspruch von Menschen mit Behinderung auf Maßnahmen zur Gewährleistung ihrer Eigenständigkeit, ihrer sozialen und beruflichen Eingliederung und ihrer Teilnahme am Leben der Gemeinschaft [anerkennt und achtet]“. Diese rechtliche Grundlage ist essentiell für die Integration und Inklusion von chronisch Kranken in Ausbildungsstätten. Während die rechtliche Grundlage unangefochten ist, gibt es auch eine Seite, über die weniger gesprochen wird.

Zunächst sollte kurz geklärt werden, was ich hier mit Nachteilsausgleichen meine. Ein Nachteilsausgleich wird erhoben, wenn Lernende aufgrund von physisch-motorischen, kognitiven oder sozial-emotionalen Benachteiligungen nicht in der Lage sind, eine Leistung innerhalb der vorgegebenen Zeit mit bestimmten Restriktionen abzulegen. In anderen Worten, der klassische Nachteilsausgleich hilft dem Lernenden eine Prüfungsleistung abzulegen. Dabei betone ich hier bewusst, dass es unterschiedliche Formen von Nachteilsausgleichen gibt: von Zeitverlängerungen, über Hilfsmittelverordnungen bis zu ganzen Prüfungsmodifikationen.


Sind Nachteilsausgleiche fair? Das Spannungsfeld der Meinungen


Man mag sich jetzt denken „Na und? Steht denen doch zu“, aber wie oben beschrieben gibt es auch anderweitige Bemerkungen zu diesem Ausgleich. Der Kern des Nachteilsausgleiches ist es, eine benachteiligte Person die Mittel an die Hand zu geben, damit diese Person an Prüfungen teilnehmen kann. Jeder, der einen Nachteilsausgleich jemals beantragt hat, weiß wie dieser entschieden wird: Mit einem Attest. Demnach ist auf einer Metaebene der Nachteilsausgleich unantastbar und nicht debattierbar. Aber, im Eifer des Alltags sind Zweifel an dem Existenzrecht von solchen Instrumenten durchaus salonfähig. Aussagen wie, „du hast die Note nur bekommen, weil du länger schreiben durftest“ oder „es ist voll unfair, du schreibst viel schneller als alle anderen“ führen dazu, dass meine Leistungen auf den Fakt reduziert wurden, dass ich eine Starthilfe hatte, die meine Mitschüler nicht hatten. In Zeiten unseres meritokratischen Schulsystems kann ich meine Mitschüler gut nachvollziehen. Der Notendruck auf Schülerinnen und Schüler ist immens und oftmals ist die Frustrationstoleranz so hoch, dass man einen Teil seiner Frustration auf andere projiziert (glaubt mir, ich war selber viel zu oft an diesen Punkt). Das Witzige ist - meine Mitschülerinnen und Mitschüler hatten mich überzeugt: Bis zu meiner Abiturklausur dachte ich mir, dass ich durch den Nachteilsausgleich einen riesigen Vorteil habe. Immer wieder habe ich mir gesagt: „Es steht mir doch zu – es wäre doch dumm, ihn nicht zu nutzen.“ Aber genau dieses Mindset möchte ich kritisieren, denn ich habe lange gebraucht eben dieses abzulegen.


Zunächst: Der Nachteilsausgleich ist und wird nie ein Vorteil sein. Wenn jemand sagt, dass eine benachteiligte Person einen Vorteil aufgrund seiner Benachteiligung erhält, dann enttarnt sich die Person als Mitglied der gemeingesellschaftlichen Mehrheit. Personen, die nicht selber von einem Ungleichheitsphänomen betroffen sind, können nur schwer über die Maßnahmen diskutieren, die eingeführt werden, um eben diese Ungleichheit glattzubügeln. Und Herrgott nochmal: Nicht jede chronische Krankheit ist auffallend – Kinderrheuma, Morbus Crohn, Schmerzverstärkungssyndrom, Fibromyalgie, Lupus – all diese Krankheiten sind nicht zwingend sichtbar. Wenn man also einen Nachteilsausgleich für eine Benachteiligung bekommt, die die Mehrheit vielleicht nicht sehen oder nachvollziehen kann, heißt es noch lange nicht, dass dieser Ausgleich nicht gerecht ist. Davon abgesehen, dass mich in meinem eigenen Falle Aussagen wie „meine Oma hat auch Rheuma, die kann aber normal schreiben“ an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Mir ist bewusst, dass die Absender dieser Aussagen es nie böse meinten, aber seriously: Vergleichst du mich gerade mit deiner Oma? Und genau dieses Dilemma muss weitergegeben werden. Fall ist nicht gleich Fall. Menschen in Minoritäten sowie Menschen, die benachteiligt sind, sind individuell, vielfältig und die Fälle sind nicht vergleichbar. Wir streben immer danach, die Welt in ein binäres System einzuteilen – schwarz und weiß; gut und böse; fair und unfair – aber genau das funktioniert nicht! Ambivalenzen gibt es überall und es muss auch verstanden werden, dass das Eine nicht das Andere ausschließt. Ich kann auch gute Klausuren schreiben und währenddessen Schmerzen in meinen Händen haben. Ich kann auch Karriere machen, ohne physisch belastbar zu sein.


Ein großes Problem mit den Vergleichen ist auch, dass wir selber gar nicht nachvollziehen können wie es ist, eine gewisse Benachteiligung zu erfahren (und ja, Benachteiligung ist auch nicht gleich Benachteiligung). Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir unser Gegenüber immer nur bis zu einem bestimmten Grad nachvollziehen können. Ich als weißer Deutscher werde nie nachvollziehen können, wie es ist, als syrischer Flüchtling durch die Straßen Kölns zu laufen. Genauso wie ich niemals werde nachvollziehen können, wie es ist, als Frau vor die Wahl von Karriere oder Familie gestellt zu werden. Diese Erlebnisse können nur gesammelt und verstanden werden, wenn man sie hautnah miterlebt und sich immer wieder damit auseinandersetzt. Es kann soviel über Integration und Frauenquote diskutiert werden, wie man möchte. Die Einzigen, die darüber urteilen dürfen, sind die Personen in der jeweiligen Zielgruppe.


Inklusion und Gleichberechtigung ist ein bottom-up Prinzip.


Eine Ursache für diese Problematik liegt sicherlich darin, dass die Maßnahmen von oben auf die Bevölkerung erlassen werden. Wie bereits erwähnt: Meine Mitschüler hätten auf die Barrikaden gehen können, wie sie wollten – die Existenz meines Ausgleiches war gesichert. Der Nachteil einer solchen top-down Entscheidung ist aber immer, dass nicht jeder diese Entscheidung nachvollziehen kann. Man kann nicht sagen „wir sind jetzt eine inklusive Schule“ ohne den Grund für diese Entscheidung detailliert aufzuarbeiten. Genauso wie man nicht labeln sollte, dass wir jetzt „eine Schule gegen Rassismus“ sind, aber Rassismus gar nicht im Unterricht behandeln – außer im Englischkurs, wenn‘s um die USA geht. Wir müssen Schülerinnen und Schüler die Mittel an die Hand geben, diese Strukturen – wenigstens in Grundzügen – verstehen zu können. Im Grunde finde ich es gut, dass meine MitschülerInnen mich damals damit konfrontiert haben. Denn als mannigfaltige Gesellschaft dürfen wir es nicht wagen, zu sagen, dass gewisse Gedanken ein Tabu sind. Durch die Aussagen konnte ich verstehen, dass meinen Mitschüler*innen das Wissen fehlte, um sich in mich hineinversetzen zu können. Also habe ich mich damals bemüht, möglichst transparent mit meiner Behinderung umzugehen – was immer mit Unterstützung begrüßt wurde.


Der Nachteilsausgleich als Starthilfe


Zum Abschluss kann ich nur sagen, dass der Nachteilsausgleich eines war, nämlich Starthilfe. Ohne Nachteilsausgleich wäre ich jetzt nicht an der Universität und würde selber Lehramt studieren. Ohne Nachteilsausgleich wäre ich jetzt nicht in der privilegierten Situation, sagen zu können, dass ich meinen Schwerbehindertenausweis aus meinen Bewerbungen rausnehmen, da ich dank Nachteilsausgleich einen fairen Werdegang hatte und dass ich nun an einem Punkt bin, an dem ich (hoffentlich) erstmal ohne Starthilfe klarkomme. Es ist aber meine persönliche Entscheidung dies zu tun und nicht die Entscheidung anderer.