Search

Wer verfügt über meinen Tod? Die Affaire Lambert


Was passiert, wenn jemand keine Patientenverfügung hinterlässt? Ist der gerichtliche Weg eher Hürde oder Hilfe?


Elf Jahre voller medizinischer Behandlungen, Familiendramen und einer Flut an Gerichtsurteilen, Medienberichten und politischer Debatten: Die Geschichte des französischen Komapatienten Vincent Lambert hat ihn zur Symbolfigur des Kampfes für das “Recht auf einen würdevollen Tod” gemacht.


Von Margaretha Habsburg-Lothringen und Anna Maria Grill

© Charlie Casanova

2008: Vom Unfall zum Zustand des verminderten Bewusstseins

Vincent Lambert, 32 Jahre alt und psychiatrischer Pfleger von Beruf, wird am 29. September 2008 Opfer eines schlimmen Autounfalls und kommt infolgedessen in ein künstliches Koma. Seit seinem Unfall ist er Tetraplegiker (Querschnittslähmung aller Extremitäten) im vegetativen Zustand und wird künstlich ernährt, aber nicht weitergehend behandelt. Der Grund: Vor dem Unfall hatte er diesbezüglich keine Patientenverfügung hinterlassen.

Drei Jahre später bewerten medizinische Spezialisten seinen Zustand als “état de conscience minimale” (Zustand des verminderten Bewusstseins) - einem Zustand, der jede Hoffnung auf Genesung ausschließt. Er wird von nun an in der Palliativpflege der Reimser Klinik bleiben.


2013: Der “Fall” Lambert wird zur “Affaire Lambert”

Trotz der vielen Sprach-, Physiotherapie- und Rehabilitionsstunden, scheint sich der gesundheitliche Zustand von Vincent Lambert nicht zu bessern. Daher stellt das Ärzteteam fünf Jahre nach dem Unfall, in Absprache mit seiner Frau Rachel Lambert, ein Unterbrechungsprotokoll für seine Behandlung aus, auf der Grundlage des Leonetti-Gesetzes*. Diese Entscheidung ergeht, obwohl er immer noch in einem tiefen Koma liegt.


Am 10. April 2013 wird seinen Ernährung mit der Zustimmung von Rachel Lambert eingestellt und seine Flüssigkeitszufuhr verringert. Die Eltern und sieben Geschwister des Patienten wurden nicht über diese Unterbrechung informiert. Als sie davon hören, kommt der erste juristische Kampf zustande, der 31 Tage dauert. Als traditionelle Katholiken stellen sich Lamberts Eltern dem Behandlungsabbruch quer und betiteln ihn als "Behindertenmord". Am 11. Mai ordnet das tribunal administratif (Verwaltungsgericht) den Ärzten an, die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr von Vincent Lambert wieder aufzunehmen.


2014: Der Conseil d’Etat erlaubt die Einstellung der medizinischen Behandlungen

Januar 2014 entscheidet sich das Ärzteteam gemäß des Leonetti-Gesetzes und entgegen des Urteils des Verwaltungsgerichts erneut für einen Behandlungsstop. Vincent Lamberts Eltern rufen abermals das Verwaltungsgericht an, um dies zu verhindern. Das Verwaltungsgericht gibt den Eltern recht. Frau Lambert und das Uniklinikum erheben daraufhin Einspruch am Conseil d’Etat, der höchsten administrativen Instanz, dem Staatsrat: Sie verlangen ein neues Gutachten über Lamberts Gesundheitszustand, der entscheidend für den Behandlungsstopp ist.

Vier Monate später befürwortet das Expertengutachten die Unterbrechung der Behandlungen, da eine generelle Verschlechterung des Zustands von Herrn Lambert und die Unveränderbarkeit seiner Gehirnverletzungen festgestellt wird. “Die Weiterführung der Behandlungen hat keinen anderen Effekt als Vincent Lambert künstlich am Leben zu erhalten, eingemauert in seiner Nacht von Einsamkeit und Unwissenheit,” beschreibt es der Pressesprecher des Conseil d’Etat, Rémi Keller.

Die Eltern des Patienten wenden sich hiergegen unter Berufung auf die Dringlichkeit der Umstände an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), welcher die Entscheidung des Conseil d’Etat aufhebt, um seinen Urteilsspruch abzuwarten.


2015: Klage und Entscheidung des EGMR

Das EGMR entscheidet, dass die Unterbrechung der medizinischen Behandlung keinen Eingriff in den Schutzbereich des Rechts auf Leben darstellt. Dies akzeptieren die Eltern von Lambert nicht und verlangen die Revision des Urteils - das EGMR lehnt dies jedoch ab.

Es kommt zum nächsten Kampf zwischen den Lambert Eltern einerseits und dem Klinikum und den behandelnden Ärzten andererseits. Das Uniklinikum gibt kund, dass es einen neuen Anlauf nehme, die Behandlungen nach dem Urteil des EGMR zu unterbrechen - die Eltern von Vincent Lambert reagieren darauf mit einer Anzeige. Das Reimser Uniklinikum wendet sich an die Staatsanwaltschaft, um einen gesetzlichen Vertreter für Vincent Lambert zu bestimmen. Im September verlangt auch François Lambert, Vincents Neffe, die Unterbrechung der Behandlungen; er wiederum wird vom Verwaltungsgericht abgewiesen.


2016: Rachel Lambert als rechtliche Betreuerin ihres Mannes

Am 10. März 2016 wird Rachel Lambert, Befürworterin einer Unterbrechung der Behandlungen, vom Betreuungsrichter zur gesetzlichen Vertreterin ihres Mannes ernannt. Am nächsten Tag erheben die Eltern von Vincent Lambert Einspruch gegen diese Entscheidung. Im Juni entscheidet das Verwaltungsgericht von Nancy, dass die Ärzte die Expertenkonsultation wieder aufnehmen müssen, um eine erneuten Unterbrechung der Behandlungen von Vincent Lambert zu ermöglichen - eine von den Eltern des Patienten im August beanstandete Entscheidung. Dezember 2016 bestätigt die höchste zivilrechtliche Instanz, die Cour de cassation, die Vertreterschaft von Rachel Lambert.


2018: Ein “chronisch unveränderbar vegetativer Zustand”

Nach einem vierten Ärztekollegialverfahren spricht sich der Arzt von Vincent Lambert für die Beendigung der Behandlungen aus. In einem offenen Brief an Präsident Emmanuel Macron vom 11. April indigniert sich Viviane Lambert gegen das “Todesurteil ihres Sohnes” und die “langsame und lange Agonie” ihres Kindes. Am 20. April verlangt das Verwaltungsgericht Châlons-en-Champagne ein erneutes Experten-Gremium nach einer Beanstandung seitens der Eltern. Diese Untersuchung bestätigt am 22. November den “état végétatif chronique irréversible” (chronisch unveränderbar vegetativer Zustand).


2019: Erneute Einschaltung internationaler Körperschaften

Am 31. Januar bestätigt das Verwaltungsgericht das Verfahren zur Einstellung der Pflege. Eine weiterführende Behandlung käme laut der entscheidenden Richter einer “unzumutbaren Härte” im Sinne des Leonetti-Gesetzes gleich. Nach einer erfolglosen Berufung beim Conseil d’Etat im April, wenden sich die Eltern an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, bei dem sie allerdings erneut verlieren.

Am 3. Mai 2019 wenden sich die Eltern in Genf an den UN-Ausschuss zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD)**. Dieser fordert Frankreich auf, die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr nicht zu unterbrechen, bis die CRPD den Fall nicht eingehender untersucht habe. Bis zu diesem Zeitpunkt solle die Versorgung aufrechterhalten werden.

Am 20. Mai wird die Nahrungszufuhr Lamberts kurzzeitig eingestellt, aber bereits wenige Stunden später wieder aufgenommen, da das Pariser Verwaltungsgericht anordnet, dass die Empfehlung des CRDP abgewartet werden solle. Diese Entscheidung wird jedoch Ende Juni durch die Cour de Cassation für ungültig erklärt. Das Uniklinikum Reims bricht sodann am 02. Juli ein drittes und letztes Mal die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr von Herrn Lambert ab.


Neun Tage nach der Einstellung seiner Behandlungen, am Donnerstag den 11. Juli, stirbt Vincent Lambert im Spital Sébastopol in Reims. Er wurde 42 Jahre alt.

Die Lambert-Affaire hat eine wichtige emotionale Tragweite, nicht nur innerhalb der betroffenen Familie. Sie hat weit darüber hinaus Proteste mobilisiert und viele Menschen berührt - das verwundert nicht, schließlich geht es in dem Fall um Leben und Tod, im wahrsten Sinne.


Oft wirken Gerichte und ihre Urteile kühl und unnahbar. Die Affaire Lambert hat aber wie kaum ein anderer Rechtsstreit gezeigt, dass der demokratische Rechtsstaat auch und gerade Entscheidungen in hoch emotionalen, existenziellen und moralischen Dilemmata zu treffen hat. Wie man diese Entscheidungen im Ergebnis bewertet, bleibt letztlich eine Frage der Perspektive, die manchmal - auch innerhalb des engsten Familienkreises - unterschiedlicher nicht sein könnte.




*Leonetti-Gesetz: Französisches Gesetz, verabschiedet im Jahre 2005, legalisiert zum Teil die passive Sterbehilfe. Benannt nach dem Abgeordneten Jean Leonetti, der den Gesetzesentwurf im Parlament vorgebracht hat.

Dem Patienten wird ermöglicht, innerhalb eines definierten Rahmens, die Beendigung einer ihn übermäßig belastenden medizinischen Behandlung durch Patientenverfügung zu verlangen. Ärzten ist es hierdurch gestattet, nach Rücksprache mit nahen Angehörigen und bestmöglicher Ermittlung des Patientenwunsches, lebenserhaltende Maßnahmen abzubrechen, wenn der Patient nicht mehr in der Lage ist, dies selbst mitzuteilen und die Maßnahmen unverhältnismäßig sind.


**Ausschuss zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD): Kontrollorgan der UNO zur Umsetzung und Einhaltung des “Übereinkommen über Rechte von Menschen mit Behinderungen” (BRK). Besagte setzt sich ein für die Selbstbestimmung, Diskriminierungsfreiheit und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Als Fachausschuss überwacht der CRPD die Vertragsstaaten und gibt Empfehlung bezüglich einer besseren Umsetzung der BRK ab. Zusätzlich eröffnet er die Möglichkeit der Individualbeschwerde für Personen oder Gruppen, die sich durch einen Vertragsstaat in ihren Rechten verletzt sehen. Der CRPD kann allerdings diesbezüglich nur Empfehlungen an besagten Staat abgeben, die nicht rechtlich bindend sind bzw. erzwungen werden können.