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Wie hängt die Entstehung von Zoonosen mit der Massentierhaltung zusammen?

Das Coronavirus ist mittlerweile in vielen Ländern mutiert aufgetreten. Welche Faktoren begünstigen solche Mutationen und wie kann darauf reagiert werden?


Von Ricarda Schwarzbart

@ Nora Hüttig.

Zoonose – was ist das?


Unter dem Begriff „Zoonose“ versteht man Krankheiten, die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Hierbei sind bakterielle, aber auch virale Übertragungen möglich.

Zoonosen zu erforschen ist schwierig und viele bleiben unbekannt. Auch wenn die Zoonose vielen von uns erst seit dem Coronavirus ein Begriff ist, gibt es einige zoonotische Viren, die unter ständiger Beobachtung durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stehen. Beispielsweise beobachtet das Bundesamt regelmäßig die Salmonellenkontamination in der Schweinehaltung, in der durchschnittlich 4,5 Prozent der Schlachtkörper kontaminiert sind.

Das Entstehen von Zoonosen ist grundsätzlich ein Bestandteil des allgemeinen Lebensrisikos: Viren oder Bakterien mutieren in Tierkörpern, können auf Menschen übertragen werden und die Artenbarriere überwinden. Nicht zuletzt durch die Vogelgrippe hat sich herausgestellt, dass Massentierhaltungsanlagen einen zentralen Geschehensort bei der Entstehung und Verbreitung zoonotischer Krankheiten einnehmen können.


Pelzfarmen und eine neue Mutation


Besonders deutlich wird dies am Beispiel des mutierten Coronavirus in dänischen Nerzfarmen. Auf solchen Farmen werden Nerze auf engem Raum in kleinen Gitterkäfigen gehalten. Ihr Fell wird für Pelzbekleidung und falsche Wimpern verwendet. Das Coronavirus hatte sich in den Nerzbeständen verbreitet und war dort mutiert. Mit diesem Virus hatten sich daraufhin zwölf Mitarbeitende der Farmen infiziert, woraufhin das Virus später bei über 200 Personen nachgewiesen werden konnte.

Untersuchungen zufolge vermehrte sich das mutierte Virus kaum. Dennoch wurden knapp drei Millionen Nerze vergast. Auch weniger erfolgreiche Virusmutation sind nicht unproblematisch. Die Mutation des Virusstammes kann die Wirksamkeit von Impfstoffen beeinträchtigen. Das vermehrte Auftreten von Mutationen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zellstammveränderung besonders erfolgreich ist und sich effektiv verbreiten kann.


Strukturelle Problematik in der Massentierhaltung


Die Farmen in Dänemark stellen keinen Einzelfall dar. Untersuchungen des University Colleges in London zufolge konnten derartige Mutationen in insgesamt sieben Ländern festgestellt werden. In den Niederlanden hatten sich auch mehrere Mitarbeitende mit einem von den Nerzen ausgehenden mutierten Virus infiziert. Zwar sind Pelzfarmen oder Fleischproduktionsbetriebe für die meisten Menschen weit weg und für Außenstehende abgeriegelt. Tritt aber erst mal ein Virus in die Bestände ein, kann sich dieser unter den dort herrschenden Bedingungen rasch verbreiten: Massen von Tieren werden auf engem Raum unter schlechten Hygienebedingungen gehalten. Argumentiert werden könnte, dass die meisten Nutztiere ohnehin nicht lange leben und die Mutationen wohl mit ihnen sterben. In den Niederlanden konnte aber festgestellt werden, dass sich auch elf streunende Katzen mit dem mutierten Virus infizierten.


Strukturelle Ungerechtigkeit für Mitarbeitende


Die Coronakrise hat der breiten Öffentlichkeit die prekären Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in den Schlachtbetrieben vor Augen geführt, die das Infektionsrisiko drastisch erhöhen. Den Mitarbeitenden begegnet auch ein erhöhtes Krankheitsrisiko, welches von den Tierkörpern ausgeht. Dabei wird ihr Schutz in der Industrie meist übergangen. Die insgesamt 6000 Mitarbeitenden der Pelzfarmen in Dänemark wurden über Monate hinweg nicht auf das Coronavirus getestet, während viele weiterhin ihre Familien in Osteuropa besuchen durften.


Dänische Haltungsinnovation und EU-Recht


Diesen Problemen kann gesetzlich begegnet werden. In Deutschland hat die Einführung von Tierschutzstandards den Betrieb von Nerzfarmen zum Verlustgeschäft gemacht. In Dänemark wird nach dem Mutationsskandal ein Verbotsgesetz von Nerzfarmen vorbereitet. Europaweit könnte nachjustiert werden, um ein Zoonoserisiko in den Tierfabriken zu reduzieren.


Ebenfalls in Dänemark entsteht eine neue Schweinehaltungsform, in der das Fleisch als „antibiotikafrei“ gelabelt werden soll. Hierzu werden die Tiere in kleineren Gruppen gehalten und Antibiotika werden ihnen nur individuell bei Bedarf und nicht prophylaktisch gruppenweise verabreicht. Dies soll darauf hinwirken das Entstehen von multiresistenten Keimen zu vermeiden. In Europa sterben jährlich 33.000 Menschen aufgrund von Infektionen mit multiresistenten Keimen.

Um dem Problem der aus der Massentierhaltung stammenden Antibiotikaresistenzen zu begegnen, hat die EU 2018 eine Verordnung erlassen, die Standards für den Einsatz von Tiermedikationen setzt und sich vor allem an die Veterinär:innen richtet. Diese Verordnung könnte durch weitere Standards, die sich explizit an die Haltungsformen richten, ergänzt werden. Durch das Halten in kleineren Gruppen auf größeren Flächen, könnte eine Virusverbreitung verlangsamt und die Tiere gezielter behandelt werden, ohne dass millionenfach Tiere vorbeugend getötet werden müssten.


Gezielte Risikominimierung


Zusammenfassend zeigt eine Betrachtung des Problemkreises auf, dass Investitionen in den Ausbau von Tierwohlstandards, unabhängig von einem Mitgefühl für Tiere, für die Gesamtgesellschaft vorteilhaft sind. Durch solche Standards kann sogleich mehreren Problemen wie die Zunahme von Antibiotikaresistenzen und das Entstehen von Zoonosen begegnet werden.

In Zeiten von Corona erscheint dies besonders sinnvoll. Wissenschaftler:innen bringen vor, dass auch bei Virusmutationen Impfstoffe schnell angepasst werden können, um eine volle Wirksamkeit des Impfstoffes zu erzielen. Im Zweifel kostet dieser Anpassungsprozess Menschenleben und es ist höchst bedauerlich, dass anderweitige Vorbeugungsmaßnahmen unterbleiben.